Gregori

Gregori schüttelt seine Sonnenbrille über dem Sand aus, so wie er alles, was er in die Hände bekommt, immer wieder ausschüttelt. Er zieht dabei die Lippen etwas zusammen. Als er merkt, dass ich ihn beobachte, lächelt er herzlich, etwas entschuldigend und blickt mir ein paar Sekunden so gerade heraus in die Augen, als ob er sich für nichts schämen müsste. In diesen Momenten husche ich wieder an seine Seite und unsere Hände verknoten sich, als solle es für immer halten.
Wir stehen am Strand, oder Gregori steht, fast schwebt er und mit seinen Blicken scheint er das Meer immer weiter zu entfernen. Er hat nichts abgelegt, nichts angefasst.
Ich habe schon im Auto etwas vom Salz gerochen, habe es inhaliert und extrahiert, habe mir gleich nach dem Parken die Schuhe von den Füßen, das Haargummi aus der Strähne gerissen, die Jacke in den Wind geworfen und wandere jetzt mit den Wellen auf und ab und versinke dabei immer tiefer, oder zerfließe oder so etwas, und lasse alles an mir nagen, kleine, saugende Fische, Krebse, Gedanken.

Gregori schläft. Das passiert bei ihm ganz plötzlich, eben noch liegen wir Hand in Hand und plötzlich schiebt er sich von mir weg, die Hände rutschen neben den Körper, die Sonnenbrille in der Hand gleitet in den Sand. Er atmet nur ein wenig langsamer, ansonsten ist er still. Ich stehe auf und sammle Muscheln vom Strand, sammle ganze und Bruchstücke, umrahme seinen Körper damit in einem Mandala und sehe, wie die Strahlen durch die Wolken brechen.
Damals, als seine Mutter uns besuchte. Ich hatte mir sie immer so vorgestellt: Groß und schmal, vielleicht etwas gräulich und ordentlich, die Lippen schmal und tapfer. Als wir dann am Tisch saßen in dem Kaffee am Bahnhof, saß eine plappernde Frau vor mir, die kaum still sitzen konnte, immer wieder die Tasse vor ihr verrückte, rundlich rosig, von ihrem Garten erzählte mit blühenden Blumen von April bis Oktober, so ausdrücklich, so ausführlich, als wären wir alle dort und nicht hier. Nachts sind wir aufgewacht von einem Wimmern und wir standen Hand in Hand in der Tür zum Wohnzimmer, wo sie sich auf dem Sofa wand und stöhnte. Dann stand Gregori neben ihr und legte ihr die Hand auf den Arm. „Du brauchst dich nicht mehr sorgen“, sagte er, und ihr Beben ließ nach.
Ich habe mich nicht mehr gesorgt.

Später beobachte durch den Spalt in der Tür, wie Gregori in die Badewanne steigt. Er hat seine Hose ordentlich zusammengefaltet und auf die Kommode gelegt, hat das Handtuch bereit gehängt, streift sich nun langsam über den Bauch und setzt einen Fuß in das Wasser. Er steigt so vorsichtig hinein, als stiege er in einen kalten See, ich kann nur seinen Rücken sehen, aber mir ist, als ob sein ganzer Körper atmet, als sauge jede Pore Luft. In Gedanken verschwinden wir hinaus aus dem Badezimmer hinein in einen Wald mit Birken und Fichten, Gregori steigt in einen dunklen See und watet in die Tiefe vorbei an den Steinen, den Pflanzen und alles perlt ab an ihm, nichts bleibt an ihm hängen. Er legt sich in das Wasser und starrt in den Himmel, die Kleidung ordentlich abgelegt und ich höre das falsche Singen der Vögel, die dumpfen Klänge der hohlen Welt.

Wir liegen im Hotelbett und halten uns an den Händen, als stünden wir an einer Ampel blicken wir an die Decke und warten auf etwas. Irgendwann driftet er, seine Hand öffnet sich, er sinkt tiefer in die Matratze. Ich blicke aus dem Fenster und zähle Sterne, das habe ich immer schon gemacht, wenn ich nicht schlafen konnte.
Einmal habe ich ihn gefragt: Hast du schon mal einen Stern sterben sehen? Ja, hat er gesagt, er habe schon mal einen Stern und schon mal jemanden sterben sehen. Ich schiebe meine Hand unter sein T-Shirt und spüre nichts, das schlägt.

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nacht-schwarz

 

die farbe fällt schon seit dem morgen aus der welt in dicken, schweren tropfen. in bächen sammeln sich bunte ströme am boden – ich hätte nicht gedacht, dass farbe stinken kann, aber jetzt riecht sie faulig und ich weiche den pfützen aus, so gut es geht. meine schuhe stechen bunt aus der grauen welt heraus wie die letzten blumen.

kurz

hebt sich die schranke vorne liegt nun
offen und ich strecke die arme endlos
in die welt
hinein ein kurzes „Ich kann“ und ich sehe mich
im moos tauchend kniend
am meeresgrund die büffel treibend
den füller
immer mindestens in einer hand

kurz streift mein atem um die welt

in asche liegen

das graue alter der erde
das träge schaben der stunden
und wie die sterne über uns lachen
oder gar nicht wissen, dass es uns gibt –

dabei habe ich ihnen schon so viele geschichten erzählt.

ich werde nicht größer, als ich bin

nur das großzügige scheitern
und die stille danach,
wenn nichts mehr brennt.

Elefantenhaut

Immer wieder Sonne sehen morgens
den Schlaf aus dem Körper
schaufeln im Rhythmus des Tages
die Füße absetzen als ginge es
irgendwo hin.
Die Scherben suchen die Sohlen blutig
laufen der dicken Haut entgegen
so wächst man weiter
Schicht um Schicht
wir häuten uns nicht.

Zwielicht

Zwielicht: Tagumrandung, Nachtumrandung. Ich trete in den Untergang hinaus und laufe, bis die Bäume kommen. Einer nach dem anderen, um ihre Postitionen am Asphalt zu beziehen als stünden sie dort immer und gehörten dort hin. Mein Nicken erzeugt ein Zittern in den Aspen, es zieht sich wellenförmig durch die Reihe, bis ich ihm nicht mehr folgen kann. Ich kenne die Bäume beim Namen. Sie wohnen im Wald der Bäume und sie kommen nur für mich an den Rand der Welt. Sie gehen erst, wenn ich sie nicht mehr sehen kann.
Ich kniee und bringe Ordnung in die Steine, aufgewirbelt durch Autos und Passanten. Ich sehe jedem Stein seine Geschichte an, vom Glühen, übers kühle Stein-werden, bis zu jedem Wassertropfen, der Rinnen fraß. (Meine eigene Geschichte ist so kurz, dass ich mich beinahe schäme.)
Ich balanciere über die Fahrbahnmakierung mit Retroreflektion. Die Autos fahren langsamer, je näher sie kommen, um erneut zu beschleunigen. Dort hinten an der Kreuzung bremsen sie wieder und so weiter. Ich grüße und hebe die Hand. Jetzt ist es dunkel, ich ziehe mir mein Kleid über den Kopf (- es ist paradox, dass wir uns tendentiell zur Dunkelheit entkleiden -) und trete in den schmalen Feldweg. Dort hinten an der Ulme stehst du, dein Hemd über dem Arm. Ich grüße und hebe die Hand. Die Bäume gehen jetzt, da ich sie nicht mehr sehen kann.
Du kommst nur für mich an den Rand meiner Welt, stumm begegnen wir uns und lesen unsere Geschichten, unsere Lippen als Buchrücken, wir schließen sie zum Schluss und legen uns beiseite.

Wo alles Perle ist

Der Wecker ist das Klopfen des Windes am Fenster. Ich liege bis zum kurzen Moment, in dem die Sonne zwischen den Häusern wandert. Nur ein paar Wochen im Jahr das kurze Kitzeln alter Tage. Ein Moment, der einen Zeitraum aufleuchten lässt, der selig war, den ich lesend und schreibend verbrachte, Muscheln malend, in dem ich Gedichte über das Meer aufsagte, um marin zu werden. Das schlaue Wissen eines Kindes, das begreift und sich zufrieden gibt. Wo alles Perle ist, wo ein Lächeln Liebe bedeutet und Schweigen Stille.
Ich habe mich so lange nicht verliebt. Heute bin ich Spinne, greife die Dinge um mich mit (zu) vielen Händen, betrachte und sortiere. Sortiere neu. Puste den Staub von den Dingen und denke beständig über die Reihenfolge nach.
Manchmal noch gehe ich verloren im Liegen, gehe verloren, wenn die Decke wie Schaum über meine Glieder läuft und nach Salz riecht, wenn das Zimmer wie Höhle, der Regen wie Urwald, das Zwielicht wie Nachtschatten scheint, dann habe ich mein junges Herz zurück.

Blume

Ich bin heute morgen tot aufgewacht,
dem Schützen konnte ich in die Augen sehen.
Nichts mehr Halten können durch die Dinge
greifen, sehen, darüber hinweg
sein warst du.

Ich bin heute morgen tot –
ich hatte gestern noch Sorgen.
Ein Schaudern jetzt gleich einem Seufzen,
ich trage Messer auf Vorrat,
für solche Fälle trage ich
den Schmerz als Blume an der Brust
stecke sie ins Haar, wenn ich muss,
begieße sie mit Tränen und Alkohol,
werfe sie auf Gräber
und schaufle Erde darüber,
als gebe es Nichts und kein Ende.

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